ST. PETRUS CANISIUS, FREIBURG-LANDWASSER

Architekt
Rainer Disse, Karlsruhe
Bauzeit
1968–1979
Renovierung
1986/87

Raumkonzept, Fenster
Schmelzglas-Elemente H 240 cm, 1976

St. Petrus Canisius in Freiburg hat Florian Lechner über dreißig Jahre lang beschäftigt. 1974 wurde er nach einem Wettbewerb mit der künstlerischen Gestaltung des Innenraums beauftragt. Sie zog sich bis 1979 hin, ohne dass sie zu diesem Zeitpunkt als wirklich abgeschlossen betrachtet werden konnte. Da in den 1980er Jahren vor allem am Dach erhebliche Bauschäden auftraten, wurde eine grundlegende Sanierung unumgänglich, mit der sich die Chance bot, auch das Innere der Kirche einer gründlichen Revision zu unterziehen. Mit Zustimmung von Rainer Disse wurde in den Jahren 1986/87 der Kirchenumbau vom Erzbischöflichen Bauamt Freiburg unter Diözesanbaumeister Josef Laule und Dipl.-Ing. Roland Braun durchgeführt und vom damaligen Pfarrer Wolfgang Gabler mit großem Einsatz unterstützt. Die künstlerische Leitung des Projekts lag in den Händen von Florian Lechner.

Das ursprüngliche Raumkonzept sah einen auf drei Seiten geschlos senen Baukörper vor, in den durch große Fenster auf der Westseite Tageslicht fiel. Dieses erhellte den Raum der Gemeinde, während der etwas erhöhte Altarraum nur wenig Licht erhielt. Bei der Neugestaltung wurde die Decke über dem Altar geöffnet, so dass dieser, ein schlichter Block aus weißem, grau geädertem Carrara-Marmor, nun durch das Licht von oben als geistige Mitte hervorgehoben wird.
Der vordere Bereich ist durch eine flache Stufe vom Raum der Gemeinde abgehoben. Er wird links durch den Osterleuchter, rechts durch ein gläsernes Kreuz begrenzt. Taufbecken und
Tabernakel stehen in einer Flucht. Kreuz, Altar und Tabernakel bilden schon seit 1978 ein Ensemble.
An ihm wird bereits in nuce Lechners Konzept sichtbar, die zum Gottesdienst Versammelten mit einprägsamen Zeichen unter Verzicht auf abbildende Darstellung an die Geheimnisse des Glaubens heranzuführen. (Das Canisius-Bild in der Werktags – kapelle, 2006 aufgestellt, ist ein spätes Zugeständnis an den Wunsch der Gemeinde nach einem sichtbaren Bezug auf den Kirchenpatron.) Dem Besucher, der überall und tagtäglich von Bildern umgeben ist, wird ein hohes Maß an Konzentration abverlangt. Nichts soll ihn in diesem Raum von dem liturgischen Geschehen ablenken.
Farbe ist in diesem zentralen Bereich nur sparsam eingesetzt.
Als kräftiger Farbklang wirken einzig die blauen Schmelzglas – scheiben, über denen der Tabernakel eher zu schweben scheint, als dass er von ihnen getragen wird. Tatsächlich wird der auf zarten Stäben stehende Tabernakel mittels dünner Stahlseile zwischen Decke und Boden stabilisiert; sie werden oben durch die Ampel des Ewigen Lichts gebündelt und verlaufen unten in einer Nut an der Außenseite der miteinander verschmolzenen Glastafeln.
Nach Disses Plan erhielt das Kirchenschiff sein Licht durch die großen Fenster in der Westwand. Ihnen antwortete ein schmales, knapp unter der Decke verlaufendes Fensterband in der Ostwand.
Es besteht aus einer rhythmischen Folge von gelben und blauen, gelegentlich bis zum Weiß aufgehellten Feldern. Die wie ein musikalischer Satz wirkende Farbfolge lässt sich als Bewegung zwischen Licht und Dunkel lesen.

Da nach dem Umbau das Licht auch von oben in das Kircheninnere fällt, musste, um die Hierarchie innerhalb des Raumgefüges deutlich zu machen, die Fensterwand neu gestaltet werden. Die Keimzelle war bereits mit den beiden 1976 aufgestellten Scheiben vorhanden, die nun den dramatischen Höhepunkt der neuen Glaswand bilden. Als sie im Rahmen der Internationalen Handwerksmesse 1977 auf der Exempla in München ausgestellt waren,
schrieb Johann Klöcker über sie: Die „großen eingeschmolzenen Farbpartien brechen das einfallende Licht und bringen die Räume einer strengen Architektur auf eine geheimnisvolle, man könnte sagen flüsternde Art zum Sprechen“ (Süddeutsche Zeitung vom 29.3.1977). In den neu hinzugekommenen Scheiben hat Florian Lechner die Lautstärke noch weiter zurückgenommen. Die Modulation des Lichts geschieht fast ohne Mitwirkung von Farben durch sparsame Strukturierung der Oberfläche. Lechner hat seine Scheiben als zweite Wand, eine Art gläserner Paravents auf dünnen Stahlfüßen, vor den Fenstern angeordnet; sie nehmen die Gliederung der Wand auf, überspielen aber die strenge Rasterordnung der Architektur, indem sie nicht in einer Flucht verlaufen, sondern rhythmisch versetzt sind. Betrachtet man die Fenster als Ganzes, so zeigt sich eine fortlaufende Bewegung, die in den zarten Riefelungen der ersten Scheibe ihren noch kaum spürbaren Anfang nimmt und sich gegen Ende der Reihe zu plastischen, bis
zu höhlenartigen Vertiefungen reichenden Verformungen steigert.
Farben sind sparsam eingesetzt und entfalten sich erst im letzten Teil der Glaswand zu einem vollen Akkord. Gelb und Blau sind die bestimmenden Töne, wobei Blau in den verschiedensten Schattierungen, vom hellsten, fast ungreifbaren Himmelblau bis zum dunkelsten Schwarzblau dominiert. Als Farbe des Himmels wie des Wassers ist es vielfältig auf die Geheimnisse des Glaubens bezogen. Ihr kontrastiert Gelb, die Farbe des Sonnenlichts. Aus der Verbindung beider entsteht Grün, die Farbe der Pflanzen, damit des Lebens schlechthin, mit der sich dann Vorstellungen von Ruhe, Frieden, Hoffnung verbinden. Gleichsam als Motto seiner künstlerischen Absicht hat Florian Lechner auf die mit mattiertem Edelstahl verkleidete Außenseite der Nordosttür im griechischen Urtext und in Luthers deutscher Übersetzung das Wort Jesu geschrieben: „So schaue darauf, dass das Licht in dir nicht Finsternis sei“ (Lk. 11,35). Um das Thema des Lichts, über das letztlich auf „das Licht der Welt“ verwiesen wird, geht es bei der Gestaltung des gesamten Raumes. Durch die Oberfläche der Schmelzgläser erscheint es weich moduliert, durch die Dachöffnung bricht es kraftvoll herein, im schmalen Fensterband der Ostwand, in dessen Farben der Kampf zwischen Tag und Nacht sich wiederholt, leuchtet es früh morgens für kurze Zeit auf. Trotz solcher dramatischer Akzente atmet der Raum insgesamt eine große Ruhe. Beton und Marmor, das matte Silber des Chromnickelstahls und die weiche Oberfläche des Glases klingen harmonisch zusammen. Der Raum strahlt sakrale Würde aus und lädt zu innerer Sammlung ein.